Warum lohnt sich die Auseinandersetzung mit Forschungs-Workflows?
In einer Dissertation oder anderen wissenschaftlichen Arbeiten ist ein Quellenverzeichnis mit 300 Einträgen keine Seltenheit. Darin unsichtbar sind zahllose weitere Informationsquellen: weitere Literatur, nicht einzeln aufgezählte Primärquellen, Tagungsnotizen und Feedback von Kolleg:innen. Eine zentrale Aufgabe bei der Erstellung einer Doktorarbeit oder beim Schreiben eines wissenschaftlichen Artikels ist, all diese einzelnen Dinge miteinander produktiv in Bezug zu setzen. Man kann das mit Stift und Papier, Aktenordnern, einzelnen Word-Dateien und markierten PDFs meistern. Viele erfolgreiche Wissenschafter:innen machen das so. Eigentlich sind diese Probleme aber ein idealer Anwendungsfall für digitale Lösungen: Was man braucht, ist ein System von Notizen, das flexibel an komplexe Projekte anpassbar ist, das die einzelnen Elemente miteinander verlinken kann, das schnell durchsuchbar ist und das einem repetitive Aufgaben automatisiert abnimmt. In diesem Blogbeitrag will ich deutlich machen, warum es sich lohnt, etwas Zeit in die Optimierung des eigenen Workflows und eines produktiven Notizsystems zu stecken.

Unzählige Quellen, ein Produkt: Das grundlegende Organisationsproblem in Forschungs- und Promotionsprojekten
Wie schon erwähnt sind die Quellen, die in einem Literaturverzeichnis erscheinen, lange nicht alle, mit denen man sich für eine wissenschaftliche Arbeit auseinandersetzt. Der Weg dahin führt über unzählige weitere Fachartikel und Monographien, die in Sackgassen führen, die in der Dissertation oder im Artikel schlicht nicht berücksichtigt werden können oder die Themen behandeln, für die man sich zwischenzeitlich interessierte, aber von denen man dann doch Abstand nahm. Im Verlauf eines Promotionsprojekts liest man Hunderte Texte. Wenn man diesen Prozess gut dokumentiert, spart man sich viel Zeit und Ärger.
Der offensichtliche Vorteil ist, dass man das Wissen, das man tatsächlich braucht, auch wiederfindet. Das klingt banal, aber Lesenotizen müssen auch nach mehreren Monaten oder Jahren noch Sinn machen, sonst muss man die ganzen Texte noch einmal lesen, wenn man eigentlich schon an einem anderen Punkt im Projekt ist.
Tatsächlich macht es auch Sinn, festzuhalten, was man nicht mehr braucht. Mir ist es selbst öfter passiert, dass ich in dasselbe Buch mehrfach reingelesen habe, weil ich vergessen hatte, dass ich es eigentlich schon einmal als unwichtig verworfen hatte. Irgendwann habe ich dann eine Liste für diesen Zweck erstellt. Das hat mir sehr viel Zeit und Buchschlepperei erspart.
Wer mit einer Vielzahl historischer Dokumente, mit Interviews, mit Kunstobjekten, Filmen, Kurzgeschichten oder mit anderen kleinteiligen Datenquellen arbeitet, will darüber hinaus vielleicht zu jedem dieser Objekte Notizen erstellen. Dabei kommen gerne Hunderte oder Tausende Elemente zusammen. Auch auf Tagungen, in Gesprächen mit Kolleg:innen oder den Betreuer:innen oder natürlich zu eigenen Gedanken macht man sich in irgendeiner Art und Weise Notizen.
All dies zu organisieren, ist ein enormer Aufwand. Man will nichts verlieren, man will die Sachen wiederfinden und man will aus ihnen einen Mehrwert ziehen. Und selbst wenn einem dies gelingt, hat man all die kleinen Dinge noch nicht miteinander in Bezug gesetzt. Gerade diese Verbindungen sind es aber, nach denen man in einer wissenschaftlichen Arbeit sucht. Das sollte der eigene Workflow auch reflektieren.
Ein guter wissenschaftlicher Workflow bringt Nachvollziehbarkeit, inhaltlichen Mehrwert und Flexibilität
Es gibt nicht den einen idealen Workflow für alle Forschungsprojekte. Jede Dissertation und jedes Paper hat seine eigenen Anforderungen, sogar im selben Fach, und natürlich unterscheiden sich Forschende auch stark in ihren persönlichen Vorlieben und Bedürfnissen. Ein paar Grundvoraussetzungen sollten Workflows dennoch erfüllen. Sie ergeben sich aus den Anforderungen, die eigentlich jedes größere Projekt stellt, in dem Daten und Wissen verarbeitet werden.
Auf die Nachvollziehbarkeit bin ich schon eingegangen: Man muss Wissen wiederfinden können. Ein guter Workflow bringt weitere Mehrwerte, die über diese Grundanforderung hinaus geht.
Ein guter Workflow bringt einen zeitlichen Mehrwert. Ich habe von April 2022 bis März 2025 aktiv an meiner Dissertation gearbeitet, also genau drei Jahre. Auch wenn ich natürlich davor schon vorbereitet habe (Exposé schreiben etc.) und meine Masterarbeit bereits einen Teilaspekt bearbeitet hatte, ist das für eine historisch arbeitende Dissertation schnell. Ohne andere Faktoren kleinreden zu wollen, möchte ich doch behaupten, dass ein sehr effizienter Umgang mit vernetzten Notizen einen erheblichen Anteil daran hatte, dass ich meine Dissertation in der finanzierten Zeit und trotzdem mit exzellentem Ergebnis fertiggestellt habe.

Diese vernetzten Notizen haben mir auch einen inhaltlichen Mehrwert gebracht. Wenn einen Forschungsbeitrag zu leisten bedeutet, neue Verknüpfungen aufzuzeigen und daraus neue Schlüsse zu ziehen, sollte man es sich so einfach wie möglich machen, diese Verknüpfungen erkennen zu können. Niklas Luhman hat das mit seinem berühmten Zettelkasten gemacht. Zum Glück kann man diese sehr penible Arbeit heute mehr oder weniger automatisiert machen, indem man Notizprogramme wie Obsidian verwendet, die einem die einfache, aber effektive Möglichkeit der Verknüpfung mehrer Notizen ermöglicht.
Workflows sollten flexibel sein, um sie an sich verändernde Bedürfnisse anpassen zu können. Ein großes Manko, das viele Notizprogramme haben, ist, dass sie eine Art des Notierens durch ihre Programmstruktur forcieren. Sie haben vorgegebene Kategorien oder Organisationsstrukturen, bedenken wichtige Funktionsweisen nicht oder sind schlicht sperrig zu nutzen. Projekte verlaufen aber selten in diesen vorgesehenen Bahnen.
Schlussendlich sollten Workflows praktikabel sein, damit sie überhaupt genutzt werden. Um ein wenig Eingewöhnung kommt man nicht herum, aber danach sollte es schon flüssig laufen.
Ein guter Workflow und die darin verwendeten Tools sind dementsprechend
- nachvollziehbar (Informationen müssen auch mit Zeitabstand Sinn machen),
- vernetzt (Informationen müssen miteinander in Bezug gesetzt werden),
- praktikabel (der Workflow sollte einen nicht von der eigentlichen Arbeit abhalten),
- zeitsparend (der Workflow sollte einen zeitlichen Mehrwert gegenüber anderen haben) und
- produktiv (der Workflow sollte einen inhaltlichen Mehrwert bringen).
Wie sieht ein solcher Workflow prakitsch aus?
Leider gibt es nicht das eine Tool, um einen kompletten wissenschaftlichen Workflow von der Quelle zum fertigen Text abzubilden. Ich habe an meiner Dissertation mit Tropy (Bilddatenbank für Primärquellen), Zotero (Literaturverwaltung), Obsidian (vernetzte Notizen) und Zettlr (zum Schreiben) gearbeitet. Viel weniger geht leider nicht. Die Kombination mehrerer Tools bringt allerdings auch die nötige Flexibilität in das System.
Wichtig ist, dass man die Übergänge zwischen den Programmen möglichst flüssig gestaltet. Das ist leider nicht immer von Vornherein gegeben. Mit Plugins und guten Verbindungstools ging es nach einer Eingewöhnungszeit dann aber sehr gut.
Wie diese Tools alle zusammenarbeiten, berichte ich hier im Blog. Eine Übersicht befindet sich auf meiner Seite zu digitalen Workflows. Dort gibt es auch Informationen zu Workshops zu diesem Thema. Ansonsten freue ich mich auch über Kontakt und Anfragen!