Linux in den Geisteswissenschaften
Seit etwa vier Jahren nutze ich ausschließlich Linux. Anfangs hat das manchmal Irritationen ausgelöst: Die etwas andere Oberfläche sah weder aus wie Windows noch wie Mac. Inzwischen ist das anders. Leute fragen mich, ob das Linux sei und wie sich das so bewährt. Seitdem die Diskussion um digitale Souveränität so richtig Schwung genommen hat, ist das Interesse noch größer geworden. Um anderen einen besseren Eindruck zu vermitteln, was ein Wechsel zu Linux so mit sich bringt, berichte ich hier in den kommenden Wochen von meinen Erfahrungen. Hier zuerst eine kleine Übersicht.
Linux als Geisteswissenschaftler: Wie kam es dazu?
Linux ist jetzt nicht gerade das Standardbetriebssystem für Geisteswissenschafler:innen. Die allermeisten haben Windows auf ihren Rechnern installiert oder nutzen Appleprodukte. Dass ich damit überhaupt angefangen habe, ist ein wenig erklärungsbedürftig.
Vor etwa vier Jahren habe ich so richtig mit meiner Promotion begonnen. (Die ist inzwischen abgeschlossen, geht also auch mit Linux.) Ich wollte die Anfangsphase nutzen, um meine Arbeit gut zu strukturieren, was sich spätestens gegen Ende sehr bewährt hat. Ich wusste:
- dass ich mit sehr vielen historischen Quellen und viel Literatur arbeiten werde,
- dass ich für den Umgang mit ihnen einfache und effiziente Workflows haben möchte,
- dass dafür mehrere Tools (Bilddatenbank für die Quellen, Literaturdatenbank, Notizprogramm, Schreibprogramm) zusammenarbeiten sollen und
- dass ich gerne freie Software nutzen möchte.
Außerdem war ich etwas knapp bei Kasse und wusste, dass ich über meine Promotionsfinanzierung keine Ressourcen für Soft- und Hardware zur Verfügung haben werde.
Das lässt sich natürlich alles auch mit Windows umsetzen. Da ich aber sowieso auf Open Source aus war und Linux in fast jeder Hinsicht ressourcenschonend ist, erschien mir ein Umstieg sinnvoll.
Erfahrungen mit dem Umstieg auf Linux
Der Umstieg ging problemlos. To be fair: Ich habe als Jugendlicher schon einmal Linux genutzt (da dachte ich noch, ich werde Hacker oder so, ist offensichtlich nichts draus geworden), deshalb kannte ich die Grundlagen. Damals war das aber schon ein ziemlicher Unterschied. Windows lief einfach, bei Linux musste man doch häufig rumtricksen, um ganz alltägliche Funktionen nutzen zu können (z. B. Videos im Internet oder von DVDs schauen) und dann lief das auch nur so mittelmäßig. Das ist heute komplett anders.
Tatsächlich läuft das Alltägliche direkt nach der sehr einfachen Installation, zumindest, wenn man eine der großen Distributionen wie Ubuntu, Mint oder Fedora verwendet. Was damals schon angenehm war und heute umso mehr: Die meiste Software wird über ein zentrales Managementsystem verwaltet. Das macht auch alle Updates. Da heute sowieso das meiste in Clouds liegt und die in der Regel auch Clients für Linux haben, müssen auch keine Daten umgezogen werden.
Linux ist also schon lange kein Expert:innenbetriebssystem mehr. Es lässt sich intuitiv nutzen, läuft flüssiger als Windows und macht keine Probleme, wenn man nicht gerade dran rumbasteln möchte. Klar, alles ist ein wenig anders strukturiert, aber zum Beispiel Linux Mint sieht quasi aus wie Windows und lässt sich zu 90 % auch so bedienen.
Vor- und Nachteile in der Linux-Nutzung für die geisteswissenschaftliche Forschung
Auf all das gehe ich an anderer Stelle noch ausführlicher ein, aber ich will die Vor- und Nachteile in meinem Forschungsalltag (und im privaten Gebrauch) hier kurz einmal benannt haben.
Auf praktischer Ebene empfand ich die Anpassungsmöglichkeiten von Linux unschlagbar. Ohne hier zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Dadurch, dass die meiste Software auf Linux Open Source ist, lassen sich Programme in Zweifel an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Da gibt es natürlich eine Lernkurve, aber mit Rat der sehr aktiven Communities (und Chatbots) ist die Hürde lange nicht so hoch, wie man sich das vorstellt. Auch hier ist theoretisch einiges bei Windows möglich, aber bei Linux sind die Wege kürzer (um das hier mal metaphorisch zu umschreiben). Ich lege nicht besonders viel Wert auf grafische Spielereien, aber wenn man will, findet man zahllose Grafikthemen im Internet (und kann sie natürlich auch selbst erstellen), um das System auch optisch an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.
Der größte Nachteil ist sicherlich, dass die meisten Leute immer noch proprietäre Dateiformate verwenden. Bei Word-Dokumenten (docx) ist das nicht wirklich ein Problem, solange es nicht um Formatierungsfragen geht. LibreOffice öffnet docx zwar problemlos, allerdings stimmen Formatierungen, Schriftarten und in seltenen Fällen auch Kommentare nicht so richtig. Wenn es nur darum geht, inhaltliches Feedback zu geben oder inhaltlich zusammenzuarbeiten, gibt es hier keine Probleme. In der Kommunikation mit Verlagen oder Herausgeberschaften ist das allerdings in der Tat ärgerlich. Über Umwege geht das alles (MS Office online nutzen; Virtual Machine mit Windows betreiben; anderen PC nutzen), aber ideal ist das noch nicht. Hier wird sich, da bin ich mir sicher, aber in nächster Zeit einiges tun. Die Verlage stellen ihre Produktion intern bereits um (hier geht es eher um medienneutrale Herstellungsprozesse), da kann man nur hoffen, dass sich hier auch bald andere Standards in der Kommunikation entwickeln. Etwas weniger zuversichtlich bin ich bei Tabellendokumenten. Da ist Excel einfach zu dominant und LibreOffice Calc ist für komplexere Sachen nicht wirklich brauchbar. Klar, hier gibt es auch Alternativen, aber die sind nicht so eingeübt wie Excel und schon bei Excel ist die Lernkurve steil. Präsentationen waren hingegen nie ein Problem. Die liefen bei mir in der Regel besser als bei anderen.
Für den eigenen Gebrauch habe ich MS Office nie vermisst. Ich habe noch nicht einmal LibreOffice häufig verwendet. Das schreiben mit reinen Texteditoren ist erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig, ist dann aber sehr befreiend. Meine Dissertation habe ich mit Zettlr verfasst, ein Markdown-Editor, in dem man wirklich nur Textdokumente (also .txt, .md etc.) bearbeiten kann. Zettlr hat links eine Dateiübersicht und ist sehr gut mit Pandoc integriert, mit dem man diese Textdateien dann ihn zahllose andere Formate übertragen kann (auch docx, falls man das will). Außerdem kann es auf die Zotero-Datenbank zurückgreifen und damit auch Zitationen erstellen. Zu diesem ganzen Workflow schreibe ich noch ein anderes Mal mehr, s. aber auch meine Seite zu digitalen Workflows.
Linux lohnt sich (zumindest für mich)
Für mich haben die Vorteile überwogen. Wenn man mit sensiblen Daten hantiert, kann man sich bei Microsoft nicht mehr wohl fühlen. Bei Linux hat man die Kontrolle über seine Daten, darüber, wie sie verarbeitet werden, und über das ganze System. Und das alles kostenlos. (Übrigens gibt es natürlich auch zahlreiche proprietäre Programme, die auf Linux laufen, die kosten dann ggf. ganz normal Geld.) Digitale Souveränität beginnt beim Betriebssystem. Für Forscher:innen, die ihre Tools selbst kontrollieren wollen, ist Linux eine echte Option.